Aurelie

In letzter Zeit beschäftigen mich ja meine Gedanken zu bestimmten Vorstellungen und Ideen, vor allem bei den Bildern, sehr. Doch kommt derzeit noch ein anderer Punkt hinzu. Denn wie perfekt muss denn eigentlich meine selbst genähte Kleidung sein? ich vergleiche gerade viel mit den vorhandenen gekauften Sachen und muss immer wieder feststellen, dass ich bei Kaufware eher und mehr dazu bereit bin Abstriche zu machen und Kompromisse einzugehen. Erklären kann ich es mir selbst nicht wirklich und habe mich daher mal auf ein – selbst auferlegtes – Experiment eingelassen.

3Ich störe mich bei selbst genähter Kleidung oft wirklich an minimalen Ungereimtheiten. Sei es nicht der richtige Farbton von Garn oder Kombistoff, sei es die Wahl Stichs oder die Passform, ihr könnt euch sicher sein, ich werde etwas finden, woran ich etwas auszusetzen habe. Doch bei Kaufware ist das ganz anders, da ist das einfach so, da lasse ich mich auf Kompromisse und „Fehler“ ein, lebe damit, dass eine Naht unsauber ist, die Passform nicht optimal, oder die Farbtöne nicht übereinstimmen. Das gehört wohl einfach so.

8Und somit stehe ich mir selbst gerne einmal beim Nähen im Weg. Es dauert gefühlt ewig, bis ich von der Idee zum Ergebnis komme. Die Auswahl des Stoffs und Suche nach dem passenden Schnitt kostet mich Zeit und Nerven, bis ich endlich einmal an den Zuschnitt komme, können Tage oder Wochen vergehen. Und bis ich an der Nähmaschine sitze, kann auch gerne mal Herbst sein, obwohl die Idee im Frühling entstand und dort auch saisontechnisch hin gepasst hätte. So richtig schnell komme ich also nicht voran.
So stapeln sich zum Einen Ideen und zum anderen Stoffe. Ich rede mir ein, ich hätte nicht genug Zeit, um all meine Ideen in die Tat umzusetzen, doch ist die Realität wohl eher, dass ich mir mit meinem anhaltenden Perfektionismus mehr selbst im Weg stehe, als mir bisher bewusst war. Und das kann doch eigentlich nicht der Sinn dahinter sein, habe ich mir nun vor ein paar Wochen gesagt.

2Und herausgekommen ist dabei diese Aurelie. Ich wollte mal was Anderes, mal eine spontane Idee umsetzen. Denn um den Schnitt schleiche ich schon länger. Doch meine Gedanken gingen dann gerne in die Richtung, dass ich zu alt für solch Mädchenkram wie Rüschen sei. Von der verspielten Sorte bin ich nun ja wirklich eher nicht, doch irgendwas reizte mich an dem Schnitt und so musste auch diese Idee erst ein bisschen reifen, bis ich mir einen Ruck gab und zur Schere griff. Und dann lag der fertige Zuschnitt wieder mindestens eine Woche unangetastet auf dem Nähtisch und wartete auf seine Fertigstellung.

5Zweifel kamen auf. War es doch die falsche Entscheidung, den schönen Stoff für diesen Schnitt anzuschneiden, nur um dann wieder einmal festzustellen, dass mir das Ergebnis nicht zusagt? Ich war schon kurz davor, mir Alternativen zu überlegen und den Kopf in den Sand zu stecken. Plötzlich war die ganze Sache wieder viel zu gewagt, kaufen würde ich mir sowas ja wohl nicht, oder? Doch wahrscheinlich schon, denn beim Kauf gibt es ja immerhin die Umtausch-Option, auf die man schnell und ohne großen Aufwand zurückgreifen kann. Bei einem selbst genähten Kleidungsstück bleibt diese Hintertür geschlossen.

6Und genau das lässt mich wohl oft hadern. Ich investiere, Zeit, Geld und Mühe und will nicht riskieren eine Schrankleiche nach der anderen zu produzieren. Hinzu kommt, dass ich meinen Stil irgendwie immer noch nicht gefunden zu haben scheine. Mit zunehmendem Alter wurde das bisher nicht einfacher. Doch mit mittlerweile 31 Jahren könnte man ja mal so langsam meinen, dass ich gefunden habe, was mir steht und zu mir passt, was meinen Alltag begleitet und worin ich mich wohl fühle. Doch entweder ist mein Geschmack einfach breit gefächert, entscheidet sich je nach Lust und Laune oder ich bin immer noch auf der endlosen Suche.

7Doch ich kann mit Stolz behaupten, dass das Experiment Aurelie mit Erfolg geglückt ist. Ich fühle mich wohl. Pudelwohl um genau zu sein. Die erste Anprobe war ein Nervenkitzel. Man muss dazu sagen, dass ich im Eifer des Gefechts keine Anprobe zwischendurch gemacht habe, ich habe einfach genäht, komplett fertig genäht, gesäumt und alles. Da gab es kein Zurück mehr. Zumindest nicht ohne erheblichen Mehraufwand un Ärger, was entweder eine Schrankleiche oder ein UFO bedeuten würde. Aber es gefiel mir auf Anhieb und ist tatsächlich so geworden, wie ich es mir vorgestellt hatte – ich habe es geschafft, rundum zufrieden zu sein, mich wohl zu fühlen und in diesem Fall meinen Stil gefunden zu haben (was auch immer das heißen mag).

1Ich habe mich einerseits mit meinem Perfektionismus durchgesetzt – passendes Garn versteht sich von selbst – und zum anderen mich nicht von diesem ausbremsen lassen. Ich habe nun ein Shirt im Schrank, mit dem ich wirklich hundertprozentig zufrieden bin und das ich am liebsten nicht mehr ausziehen wollen würde. Und das habe ich wirklich von noch keinem selbst genähten Kleidungsstück mit voller Ehrlichkeit behaupten können! Doch in die Wäsche sollte es nun wirklich so langsam einmal…

Ich werde jetzt nicht den Fehler machen und mir nur noch Aurelies nähen, sondern mir in Zukunft grundsätzlich die Zeit nehmen, meine Gedanken reifen zu lassen, mich mehr auf mich selbst, mein Bauchgefühl zu verlassen und auf meine Intention zu vertrauen und dabei meinen Perfektionismus dezent nach hinten zu schieben, mich auch auf kleine Abenteuer einzulassen und offen für deren Ausgang zu sein.

Eure Katze

Schnitt: Aurelie von Lilabrombeerwölkchen (Geraffter Einsatz gekürzt, Ärmel gekürzt)
Stoff:
NOSH PYRY Maple Sugar

@ mmm, afsich näh bio, bio: stoff

 

28 Kommentare zu „Aurelie

  1. Ich arbeite auch gerade daran, noch sorgfältiger zu arbeiten und noch mehr auf den Sitz zu achten. Ich möchte mich ja auch weiterentwickeln und träume von einem Kleiderschrank voller gut sitzender, perfekt gearbeiteter Kleidungsstücke – aus meiner Hand 🙂 LG, Tanja

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  2. Es steht Dir ja auch hervorragend! Ich bin auch immer noch auf der Such nach meinem eigenen Stil…….aber manchmal denke ich, warum eigentlich? Ich kann mich doch auch immer ma wieder ändern, oder?

    LG
    Lina

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    1. Vielen Dank dir, Lina! Ja, der eigene Stil, verändert sich wahrscheinlich auch ständig, ist im Wandel, doch grundsätzlich würde ich mir wünschen, ganz konkret zu wissen und zu kennen, was meine sichere Basis ist, ob Farbe oder Schnitt, etwas das immer geht, bei dem man sich wohl fühlt und ein Erfolgserlebnis hat 😉

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  3. Liebe Stephie,
    schön hast du das geschrieben! Interessant für mich zu lesen, da mich das Thema eigener Stil ständig beschäftigt. Dein Shirt ist dir sehr gelungen und du wirst lange Freude daran haben.
    Dem eigenen Stil mit Selbstgenähtem gerecht zu werden, ist gar nicht so einfach. Ein Kaufteil kann man anprobieren und sofort entscheiden, ob es richtig sitzt, wie es wirkt, ob man sich wohl fühlt. Bei Genähtem muss man zuerst viel Zeit investieren. Und deshalb lohnt es sich umso mehr, seinen Stil zu kennen: welche Schnittform steht mir, was kommt gar nicht in Frage. Mit den Details lässt sich dann spielen. So wie hier mit der süßen Rüsche.
    Liebe Grüße
    Resa

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    1. Liebe Resa, vielen Dank dir! Ja, ich bin zu Beginn meiner Näh-Karriere, dem Trugschluss unterlegen, dass es doch einfacher sei, weil man es maßgeschneidert auf sich anpassen kann, aber das ist ganz schön mit Aufwand und Herausforderungen verbunden, von denen man vorher nichts geahnt hat! Aber vielleicht komme ich ja meinem Stil ein wenig näher, kann mir eine Garderobe erstellen, die sich kombinieren lässt und gönne mir hier und da ein Experiment wie dieses 😉

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  4. Steht Dir super!
    Die Problematik mit der fehlenden Spontanität und Zuversicht kenne ich genau so auch von mir. Es ist zwar toll so viele Ideen zu haben, aber quasi ohne Output ist das irgendwann auch nicht zufriedenstellend.
    Ich hoffe bei Dir geht’s nach dieser Positiverfahrung nun besser voran. 😀

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    1. Vielen Dank dir! Es tut irgendwie gut zu hören, dass es anderen auch so geht – in der virtuellen Welt nimmt man das oft gar nicht so war, wenn ein Bild vom Stoff und keinen Tag später das fertige Werk präsentiert wird 😉 Ich bin zuversichtlich, dass ich zumindest ein paar meiner sehr konkreten Ideen in der nächsten Zeit umsetzen kann!

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  5. Ich finde deine Aurelie ganz wunderbar! Das mit den Zweifeln kenne ich aber. Dann bleibt etwas Angeschnittenes schon mal länger liegen. Doch wenn es dann fertig ist, bin ich meistens zufrieden 🙂 So wie du jetzt. Bin gespannt was du uns noch so zeigst!

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  6. Hm… ich weiß was du meinst… und ich kann alle Punkte nachvollziehen, da ich sie beim Nähen und Vorbereiten auch bemerke. Aber irgendwie ist meine Einstellung dazu eine andere:
    Also ich habe auch höhere Ansprüche an meine genähte Kleidung, aber eher weil ich will und weiß, dass meine selbstgenähte Kleidung viel toller wird. Und darauf freue ich mich dann immer. Und zelebriere es das richtige (perfekte) Garn für meinen Stoff auszusuchen (wenn es nicht perfekt ist: auch nicht schlimm, aber wenn doch: großes inneres Fest). Ich finde es toll, dass ich es bin die in der Hand hat welche Form nun mein Shirt bekommt und wie lang / eng / bunt es wird und dass die Nähte toll werden, was ja bei Kaufkleidung erschreckend oft nicht der Fall ist. Es ist schon auch so, dass ich Ansprüche an mich selber habe, da ich ja WILL dass es toll wird. Aber die Geduld dafür und die Begabung kommt ja mit all der ganzen Näherei (also der Übung) von selber. Ich gebe aber zu, dass ich das auch nicht immer so positiv gesehen habe. Wenn ich etwas geliebtes arg vermurkse, dann bin ich schon auch erstmal doll gefrustet. Da muss dann schnell ein tröstendes Projekt mit Gelinggarantie hinterher.

    Deine Überlegungen zur Stilfindung (mit 31) kann ich auch sehr gut nachempfinden… Ich glaube ich nähere mich im Schneckentempo. Und wenn man dann weiß was einem wahrscheinlich steht, dann merkt man, dass die Stoffe im Regal ganz andere Farben haben.. Oder die vorhandenen Schnitte ganz andere Formen. Aber man kann ja nicht plötzlich alles neu kaufen….
    Projektgedanken aber erstmal reifen zu lassen ist sicher ein sehr guter Weg. Auch wenn das natürlich die Nähproduktion ausbremst. Aber dafür macht es auf lange Sicht glücklicher..

    Vielen Dank für deine Gedanken zu diesem Thema!
    Und: schönes Shirt! Für mich wäre das auch eher ein „besonderes“ Teil, kein Shirt für eine Serienproduktion.

    Viele Grüße! Melanie

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    1. Liebe Melanie, vielen Dank dir, für deine ausführlichen Gedanken! Ich sehe es auch nicht nur negativ und freue mich natürlich wie wild, wenn alles zusammen passt und sich meinen Vorstellungen entsprechend entwickelt. Doch oft bremse ich mich eben dadurch im Vorfeld quasi gezielt aus, weil die passende Kombi nicht aufzutreiben ist, Stoff und Schnitt doch nicht so harmonieren, wie gewünscht oder die Passform katastrophal ist. Mir ist meine Zeit und meine Mühe zu schade, zu wertvoll, ein nicht zufriedenstellendes Ergebnis zu produzieren. Ich muss da zum Einen meine Ansprüche etwas runter schrauben und zum anderen mehr Mut entwickeln, meine Fähigkeiten weiterzuentwickeln und Neues zu wagen. Ich denke ich bin auf einem guten Weg und muss mich ein bisschen von eingefahrenen Denkweisen befreien 😉

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  7. Deine Gedanken kenne. Da bin ich ähnlich. Und mich ärgert das total. Weil ich für Kaufwate ausgebe und eigentlich den gleichen Standard erwarte wie meine Nähleisten. Bei meinen selbstgenähten Sachen bin ich immer superkritisch. Aber tatsächlich helfen meine Blogfotos 😉 da sehe das Gesamte und stelle verwundert fest, dass die schiefe Naht gar nicht auffällt.
    Dein Shirt ist toll!
    Liebe Grüße
    Britta

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    1. Liebe Britta, vielen Dank dir! Mit den Bildern hast du absolut recht, man selbst ist da oft viel zu kritisch und das Gegenüber oder die Kamera macht einem erst bewusst, wie falsch die Annahme ist und das selbst genähte Stück absolut perfekt ist, so wie es ist! 😉

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  8. Hallo Steffi, ich kenne das anfangs war es bei mir auch schwer und ich habe Dinge produziert die die Welt oder besser gesagt ich nicht an mir brauche. Auch meine Nähte lassen mich manchmal zweifeln… Inzwischen würde ich sagen habe ich meine Richtung gefunden – was zu mir passt. Habe ich einen Stoff, überlege ich auch oft lange was es werden soll und schnell nähen tue ich erst recht nicht. Bas Bettyjäckchen hat bei mir 2 ganze Tage verbraucht, ich sitze dann oft davor und versuche bestimmte Nähschritte anders umzusetzten… Mir gefällt dein Shirt an dir 🙂
    lG Melanie

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    1. Liebe Melanie, vielen Dank dir! Oh das kenne ich nur zu gut! Teile die die Welt oder zumindest mein Kleiderschrank nicht braucht habe ich auch schon ein paar – viele – produziert. Das ist manchmal sehr ernüchternd, doch hat es einen irgendwie insgesamt auf den richtigen Weg geführt 😉 Und deine Betty habe ich auch gerade entdeckt und geöffnet, um mir das gute Stück genauer anzuschauen – gut Ding will Welie haben, oder? 🙂

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  9. Deine Gedanken kann ich gut nachvollziehen, ich bin meinem Selbstgenähten gegenüber auch viel kritischer, als bei Kaufkleidung. Ist doch echt schade, oder?!
    Dein Shirt finde ich toll, es steht dir ganz wunderbar und dass Du dich wohlfühlst sieht man den Bildern an!
    Viele Grüße
    Antje

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    1. Liebe Antje, vielen Dank! Ja das ist wirklich schade, eigentlich sollte man die eigene Arbeit viel mehr wertschätzen und auch mit krummen Nähten zufrieden sein, doch ist unsere Wahrnehmung durch den ganzen Konsum schon sehr verschoben… Wir geloben Besserung! 😉

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  10. Liebe Stephie,
    dein Shirt ist sehr schön, es steht dir und ist toll genäht.
    Und du bist mit Sicherheit nicht zu alt für „Mädchenkram“!
    Zum Thema Perfektionismus: kenne ich auch; er kann einen ganz schön aufhalten oder auch ausbremsen….
    Liebe Grüße
    Marion

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  11. Deine Aurel. ist toll! Und mit diesem Stoff trägt sie sich sicher besonders gut 😉 Bei mir liegt er auch noch (natürlich in blau) und wartet auf seine Bestimmung. An Aureli hatte ist tatsächlich auch schon gedacht und mir den Schnitt zugelegt, aber mir geht es da genauso wie dir mit den Rüschen. Ich mag sie bei anderen extrem gern, bin mir aber bei mir unsicher. Aber nun werde ich es wohl doch nochmal versuchen 😉
    Liebe Grüße
    Fina

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  12. Liebe Stephie,
    Das Shirt steht die ausgezeichnet! Ich kann deine Gedanken nur zu gut nachvollziehen. Sowohl der Perfektionismus als auch die Stilfrage kommen mir bekannt vor. Aber ich denke du machst das genau richtig! Wer nicht wagt, der nicht gewinnt! Mehr von diesen madebyminouki-Experimenten!!!
    LG Christina

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